Weltmeisterlicher „Hochstapler“

Stacking: Nicolas Werner holt bei der Heim-WM in Speichersdorf zweimal Gold

Nicolas Werner ist ein erfolgreicher Hochstapler – und das ist alles andere als abwertend gemeint. Der 17-jährige Steinbacher stapelt in Windeseile Plastikbecher zu Pyramiden. Im sogenannten Sport Stacking zählt Werner zur Elite. Bei den jüngsten Weltmeisterschaften im nordbayerischen Speichersdorf hat er das einmal mehr unter Beweis gestellt: Werner wurde Doppelweltmeister.

nicolas werner 2016Nicolas Werner schüttelt seine Handgelenke aus. Kritisch beäugt der Jugendliche die weißen Plastikbecher, die vor ihm ordentlich in drei Stapeln auf dem Tisch aufgereiht sind: Je ein Dreierstapel steht rechts und links, in der Mitte ist es ein Turm aus sechs Bechern. An Werners Seite lockert ein weiterer Jugendlicher seine Hände. Werner verrückt noch einmal einen Stapel um Millimeter, auch sein Teamkollege scheint noch nicht ganz zufrieden zu sein. Akribisch bringen beide die Stapel in Position. Nun scheint alles zu passen. Ein letztes Mal durchpusten, dann gehen die beiden Jugendlichen Seite an Seite leicht in die Knie und warten auf das Startsignal. Jetzt kann gestapelt werden.Es ist der Doppelwettbewerb, in dem Werner und sein Teamkollege Son Nguyen um den Titel kämpfen. Das Video von ihrem weltmeisterlichen Auftritt wurde bereits weit mehr als 1000 Mal angeklickt. Plötzlich legt das Duo los, baut in atemberaubender Geschwindigkeit eine Becherpyramide nach der anderen auf – um sie auch schon im nächsten Augenblick gekonnt wieder zu einem Stapel abzubauen. Konzentration und Schnelligkeit sind das A und O im Sport Stacking. Bloß nichts umwerfen, bloß keine Becher auf den Boden fallen lassen. Der Zeitverlust wäre zu groß. Das Besondere zudem am Doppel: Die beiden Partner bauen gemeinsam: einer mit der rechten, der andere mit der linken Hand. „Im Doppel staple ich mit links, weil mein Partner besser mit rechts ist. Aber ich kann auch rechts“, erklärt Werner später gegenüber der RHEINPFALZ.

Werner und Nguyen legen also los, bauen Pyramide um Pyramide auf. Cycle nennt sich der Wettbewerb, in dem die Teilnehmer drei Figuren nacheinander errichten und wieder abbauen müssen. Und das auf Zeit. Von der lassen die beiden jungen Männer dieses Mal besonders wenig verstreichen: 6,608 Sekunden brauchen sie. Dann klatschen sie sich zufrieden ab, während im Hintergrund Jubelschreie zu hören sind.

Es ist nicht die erste Weltmeisterschaft für Nicolas Werner, auch nicht der erste Titel. Dennoch: Diese WM ist etwas Besonderes. Ausgerichtet wurde sie von den Hochstaplern im nordbayerischen Speichersdorf. Für sie geht Werner seit Jahren an den Start. Rund 270 Starter aus der ganzen Welt sind nach Speichersdorf gekommen. „Amerika und Südkorea waren in diesem Jahr stark“, sagt Werner, der die Vorzüge einer „Heim-WM“ zu schätzen weiß. „Klar freut man sich, wenn die WM hier in Deutschland stattfindet. Natürlich auch, weil die Anreise günstig ist.“

Sechs Jahre ist es her, dass er den Sport Stacking für sich entdeckt hat. Über eine Fernsehshow war er auf das Becherstapeln aufmerksam geworden. Daheim legte er sofort los – damals noch mit herkömmlichen Plastikbechern. Die „Profi-Becher“ gab es wenige Wochen später zu Weihnachten. Seitdem hat der Sport Werner nicht mehr losgelassen. Mittlerweile hat er bereits bei Weltmeisterschaften in Florida gestapelt, auch schon in Kanada. Zweimal war er sogar schon Weltrekordhalter im Becherstapeln. Doch trotz aller Erfahrung – etwas Nervosität komme schon noch auf, gibt der Jugendliche zu. „Dann werde ich ein bisschen zittrig“, sagt er. Allzu sehr kann das dieses Mal jedoch nicht der Fall gewesen sein: Diese WM, sagt Werner, sei für ihn die bislang erfolgreichste. In der Staffel, in der die Sportler nacheinander stapeln müssen, holte er ebenfalls den Titel. Hinzu kommen drei Silber- und zwei Bronzemedaillen, zum Teil im Einzel, zum Teil in der Staffel. „Der Pokal passt schon nicht mehr ins Regal“, erzählt Werner lachend.

Und wie geht es weiter? „Nächstes Jahr ist die Weltmeisterschaft in Taiwan. Da ist es unwahrscheinlich, dass ich hinfliege“, sagt Nicolas Werner. Anreise und Aufenthalt würden das Budget des 17-Jährigen übersteigen. Ein Ziel aber hat der passionierte Becherstapler noch immer: „Noch schneller werden“, sagt er. Und vielleicht klappt es dann sogar, den Weltrekord zurückzuholen. „Noch ist das nicht unmöglich“, ist sich Nicolas Werner sicher.

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